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SEA-WATCH: Für sichere und legale Fluchtwege

Laut Uno Flüchtlingshilfe befanden sich 2020 über 80 Millionen Menschen auf der Flucht , und die Lage hat sich bis heute nicht gebessert. Bis heute fliehen Menschen aus unterschiedlichsten Gründen, wie Krieg, Armut oder Verfolgung, aus ihren Heimatländern und hoffen auf ein besseres Leben - zum Beispiel in Europa. Da Landwege blockiert und legale Migration für die meisten von ihnen nahezu unmöglich ist, suchen viele Flüchtende, insbesondere aus Afrika, den Weg über das Mittelmeer, und das zumeist unter katastrophalen, gefährlichen Umständen. Menschen ertrinken, weil sie sich nach einem besseren Leben sehnen, während weite Teile der Politik und Gesellschaft wegschauen. Sea-Watch hingegen wurde gegründet, um in Seenot geratene Flüchtende vor dem sicheren Tod zu retten. Die NGO kämpft gemeinsam mit anderen Organisationen um jedes Leben und ist dabei auf Spenden und Unterstützung angewiesen. Im Interview erklärt uns Mattea von derSea-Watch Presseabteilung, warum dieser Kampf nicht aufgeben werden darf.

Otti:
Nachdem noch vor fünf Jahren das Thema "Flucht" allgegenwärtig war und man ständig in den Nachrichten davon hörte, liegt aktuell der Fokus der Gesellschaft auf Corona. Da Ihr nach wie vor an der "Front" tätig seid - wie schaut es in Sachen Fluchtbewegungen, insbesondere über das Mittelmeer, derzeit aus?

Mattea:
Die Lage im Mittelmeer ist nach wie vor katastrophal. Beinahe täglich versuchen Menschen, in seeuntauglichen Booten über das Mittelmeer zu fliehen. Die europäischen Länder schauen dabei zu, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken. Mit unseren Aufklärungsflugzeugen beobachten wir stetig, wie europäische Staaten Hilfe verweigern und stattdessen die Verantwortung der Seenotrettung an die sogenannte libysche Küstenwache abgeben - eine Miliz, die Menschen illegal in das Land zurückbringen, aus dem sie geflohen sind. Dort werden sie unmittelbar inhaftiert. Die europäischen Politiker:innen wissen um die unmenschlichen Zuständen in den libyschen Folterlagern, doch kooperieren sie lieber mit der sogenannten libyschen Küstenwache, als schutzsuchende Menschen in Europa willkommen zu heißen. Europa lässt Menschen willentlich im Mittelmeer ertrinken und setzt damit ein klares Signal: Wenn ihr versucht, nach Europa zu kommen, lassen wir euch ertrinken. Wir sehen es in der Verantwortung der europäischen Zivilgesellschaft, diesem menschenverachtenden Signal etwas entgegenzusetzen.

Sea-Watch 4 im Mittelmeer by Chris Grodotzki
"Migration war und bleibt eine Chance für alle Gesellschaften, zu wachsen."
(Picture Copyright: Chris Grodotzki / Sea-Watch.org)

Otti:
Gelegentlich flackern in den Medien Bilder und Meldungen auf, welche die Missstände in "Flüchtlingslagern" aufzeigen, aber diese verschwinden auch genau so schnell wieder, wie sie aufgepoppt sind. Wie ist die Lage für die Menschen dort tatsächlich?

Mattea:
Diese Frage können wir leider als Sea-Watch nicht beantworten, da wir derzeit in keinen Geflüchtetenlagern aktiv sind. Wendet euch gerne an unsere Kolleg:innen, z.B. von leavenoonebehind.

Otti:
Wie hat die Corona-Pandemie allgemein die Fluchtbewegungen, aber auch die Seenotrettung von Geflüchteten beeinflusst?

Mattea:
Die Lage an den Außengrenzen Europas und darüber hinaus ist selbstverständlich schwierig. Die Corona-Pandemie hat die ganze Welt vor eine neue Herausforderung gestellt. So selbstverständlich auch Menschen auf der Flucht. Spontane Grenzschließungen, überfüllte Lager und ein erschwerter Zugang zur Gesundheitsversogung sind Schwierigkeiten, mit denen Menschen auf der Flucht, vor allem zu Zeiten der Corona-Pandemie, umgehen müssen. Auch unsere Einsätze haben sich deutlich erschwert. Die gesamte Besatzung trägt besondere Schutzkleidung, es wird permanent desinfiziert und auch die Menschen, die an Bord kommen, tragen Maske und sind angehalten auf Abstand zu achten, ihre Hände regelmäßig zu waschen und sich an alle bekannten Regeln zu halten.

Otti:
Die Fluchtrouten zu Lande wurden ja durch bestimmte Deals und Grenzschließungen weitestgehend dichtgemacht. Wie denkst Du über diese Lösung, die ja maßgeblich unter Federführung der Bundesregierung mit initiiert wurde?

Mattea:
Die Lösungen, die die Europäische Union umgesetzt hat (beispielsweise der EU-Türkei Deal, die Kooperation mit der sogenannten libyschen Küstenwache etc.) zeigen, wie deutlich Europa darin versagt, eine menschenwürdige Migrationspolitik zu gestalten. Tausende Menschen harren unter unmenschlichsten Bedingungen an unseren Außengrenzen aus. Statt diese Menschen endlich zu evakuieren und ihnen den Schutz zu bieten, mit dem die Europäische Union so gerne prahlt, kümmern sich Politiker:innen darum, neue schmutzige Deals zu machen, damit Menschen Europa nicht erreichen. In Deutschland machen sich Städte und Kommunen seit langem dafür stark, mehr Menschen aufzunehmen. Doch all diese Versuche werden vom Innenministerium blockiert. Die europäische Migrationspolitik setzt nicht auf eine menschenwürdige Migrationspolitik, sondern auf die Kooperation mit Drittstaaten, die jedoch denjenigen schaden, die eigentlich Schutz suchen.

Otti:
Welche Unterstützung bekommt Ihr von der EU und/oder den Regierungen der einzelnen Mitgliedsstaaten bei Eurer Arbeit?

Mattea:
Es gibt selbstverständlich vereinzelte Ausnahmen in der Reihe der Politiker:innen, die die deutsche und auch europäische Migrationspolitik mitgestalten. Wir sind für ihre Unterstützung dankbar und begrüßen es, wenn sich Politiker:innen oder Ministerien auch für Menschenrechte einsetzen und nicht nur für Wähler:innenstimmen!

Otti:
Wenn nun jemand Euch in Eurer Arbeit unterstützen möchte - wie kann man für Sea-Watch spenden? Und auf welchen Wegen kann man Euch sonst noch auf Eurer Mission helfen?

Mattea:
Jede Spende hilft uns dabei, Menschenleben zu retten. Und das geht ganz einfach über unsere Website sea-watch.org oder unsere Sozialen Kanäle. Ansonsten kann man sich jederzeit bei uns auf der Website umsehen, was es noch für weitere Unterstützungsmöglichkeiten gibt. Neben Sea-Watch gibt es noch weitere wichtige Organisationen in Deutschland, wie beispielsweise die Seebrücke, die in Lokalgruppen unterstützt werden kann. Neben Spenden und dem Engagement ist jedoch am wichtigsten: Laut sein, die Stimme für Geflüchtete erheben und sich für Menschenrechte einsetzen!

Otti:
Ohne das jetzt bis ins kleinste Detail aufschlüsseln zu wollen - wofür werden Spenden an Sea-Watch verwendet?

Mattea:
Die Spenden werden vorrangig für die Durchführung unserer Flugzeug- und Seenotrettungsmissionen verwendet. Sea-Watch ist rein spendenfinanziert. Das bedeutet auch, dass Personalkosten oder Instandhaltungskosten der Schiffe und Flugzeuge mit Spendengeldern bezahlt werden. Weil Sea-Watch jeden Euro schätzt, der auf unserem Spendenkonto landet, wird dafür gesorgt, dass es an den Stellen ankommt, wo es am dringendsten benötigt wird.

Otti:
Neben der Seenotrettung ist ein weiteres großes Problem der Gegenwart der Schutz von Umwelt und Klima. Welche Maßnahmen trifft Sea-Watch, um bei all der notwendigen Arbeit, möglichst nachhaltig zu bleiben und den durch die Schifffahrt automatisch verursachten Schaden an der Natur so gering wie möglich zu halten?

Mattea:
Selbstverständlich können wir Flucht und Klima nicht separat betrachten. Deswegen geben wir unser Bestes auch bei unseren Missionen so umweltfreundlich und nachhaltig wie möglich zu agieren.

Otti:
Gibt es allgemein Kooperationen zwischen NGOs wie Eurer und anderen, wie z.B. Sea Shepherd oder Greenpeace?

Mattea:
Wir stehen im stetigen Kontakt mit anderen NGOs in unterschiedlichen Bereichen. Auch haben unsere Freiwilligen oftmals vorher schon bei anderen NGOs angeheuert. Im Kontext unserer Schiffe kooperieren wir mit United4Rescue und haben im letzten halben Jahr gemeinsam mit Ärzten ohne Grenzen an Bord der Sea-Watch 4 zusammengearbeitet. Unsere Flugzeugoperationen kooperieren mit der Schweizer Pilot:inneninitiative HPI (Humanitarian Pilots Initative).

Otti:
Was war für Dich der bewegendste Moment bei Deiner Arbeit für Sea-Watch?

Mattea:
Das lässt sich unglaublich schwer beurteilen. Es gibt viele Momente, die einen noch monatelang beschäftigen. Ob es ein schwieriger Rettungseinsatz ist oder der Moment, wenn Menschen endlich in Europa an Land gehen können. Das Zuhören zu den Geschichten über das, was sie erlebt haben oder der Moment, wenn man merkt, dass man nun unter neuen Freunden und nicht mehr unter Fremden an Bord ist. So herausfordernd die Arbeit auch sein kann, sie ist immer wieder voller Momente und Begegnungen, für die wir mehr als dankbar sind.

Otti:
In den Köpfen vieler stellen Flüchtende leider eine Art "Bedrohung" dar. Wie erklärst Du Dir diese Angst vor den Menschen, die "zu uns" kommen wollen?

Mattea:
Das kann jeder einzelne Mensch nur für sich erklären. Für mich kann ich nur sagen, dass ich es beschämend finde, in einer Gesellschaft zu leben, die so oft hasserfüllt über Menschen spricht, die in Europa Schutz suchen. Das erleben wir auch bei dem Thema Seenotrettung. Bei Diskussionen in den sozialen Netzwerken oder am Küchentisch könnte man meinen, es werde dabei über die Fracht eines Containerschiffes gesprochen, welche lieber woanders, als in den heimatlichen Häfen, abgeladen werden soll. Und auch in der Politik machen die Verantwortlichen Augen und Ohren zu während in Bundestag und Parlament ernsthaft darüber debattiert wird, ob man jetzt für oder gegen Seenotrettung sein sollte. Wer diese Unmenschlichkeit mit Angst begründet, der soll sich versuchen vorzustellen, wie es ist, wenn man alleine nachts auf einem Schlauchboot in Richtung Europa sitzt und keine Rettung weit und breit in Sicht ist!

Otti:
Wo siehst Du auf der anderen Seite die Chancen von Migration im allgemeinen?

Mattea:
Unsere Welt basiert seit Jahrhunderten auf unterschiedliche Migrationsformen. Eine Welt, in der wir heute leben, wäre ohne Migration undenkbar. Wenn wir endlich anfangen würden, Menschen nicht danach zu beurteilen, welchen Pass sie besitzen, dann würde wir merken, wie sehr uns unterschiedlichste Migrationsformen in der Vergangenheit bereichert haben. Migration war und bleibt eine Chance für alle Gesellschaften, zu wachsen. Damals, so wie heute.

Otti:
Da die Wurzeln unseres Magazins im Kulturbereich liegen: Was sind die Top 5 der Songs (inkl. Künstler), die Dir Mut und Hoffnung für eine bessere Zukunft machen?

Mattea:
Fugees - Fu-Gee-La
Beyoncé & Kendrick Lamar - Freedom
Das Flug - Alles musz in Flammen stehen
Ton Steine Scherben - Der Traum ist aus
M.I.A. - Borders

Otti:
Zum Schluss lasst uns mal ein wenig träumen - Eure derzeitige Arbeit würde ja absolet, wenn es keine Flucht übers Meer mehr gäbe. Was müsste in der Welt geschehen, damit Ihr Euch dauerhaft anderen Aufgaben zuwenden könntet?

Mattea:
Es müsste endlich sichere und legal Fluchtwege nach Europa geben, damit kein Mensch sich auf die gefährliche Reise über das Mittelmeer wagen muss. Wir kämpfen solange weiter, bis es endlich eine safe passage nach Europa gibt.

Mehr Infos und Unterstützungsmöglichkeiten:
sea-watch.org

Art des Interviews: Email
16.03.2021 by Otti

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