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Tanzwut: Weiße Nächte im Spätsommer

Mitte des 14. Jahrhunderts reckte die Pest ihre knochige Hand gen Europa. Auf einem fahlen Pferd trabte der schwarze Tod durch die Lande und raffte das Volk dahin – ohne Ansehen der Person. Niemand ahnte, dass der Teufel im Detail steckte. Ein Flo als Urheber der herannahenden Apokalypse? Undenkbar! Da mussten ganz andere Mächte im Spiel sein.Entsprechend heftig fielen die Reaktionen aus: Während sich die einen in Entsagung und Selbstkasteiung auf das Jenseits vorbereiteten, verließen die anderen Haus und Hof, um im Angesicht des Untergangs noch einmal so richtig zu feiern. Diese Fraktion prägte auch das Phänomen der Epilepsia Saltatoria, der Tanzwut.
Es bereitet wenig Kopfzerbrechen zu erraten, auf welcher Seite die Berliner Spielleute gleichen Namens damals zu finden gewesen wären. Natürlich hätten sie den euphorisierten Tänzern aufgespielt, wie sie es auch heute tun. Mit Erfolg: Der Begriff Tanzwut steht anno 2011 weniger für ein historisches Phänomen, als für eine phänomenale Erscheinung der Musikszene. 1999 gegründet, zählt das Septett zu den Pionieren in Sachen Verschmelzung von mittelalterlichen Instrumenten und Rock’n’Roll. Dudelsäcke, Schalmeien, E-Gitarren und Elektronik verbinden sich zu einer brodelnden Mixtur aus Teufels Küche, die die Sinne weckt und die ideale Begleitmusik ist, um die Nacht zum Tage zu machen. Nicht umsonst fand sich auf dem letzten Album „Schattenreiter“ mit „Immer noch wach“ ein Loblied auf das ausgedehnte Feiern und durchzechte Stunden, die der Franzose „Les nuits blanches“ und der Italiener „Le notti bianche“ nennt: Weiße Nächte.

Lebenslust statt Alltagsfrust
Lang war die Wartezeit auf ein neues Tanzwut-Album. Nun schickt sich das neu formierte Septett an, sich "Wie Phönix aus der Asche" zu erheben und die nach Kurzweil Dürstenden dem Alltag zu entreißen und in ihr Reich schlafloser Freuden zu entführen. Wirtschaftskrisen? Killergurken? Polittheater? Mögen sich andere die Haare raufen - im Reich des Gehörnten herrscht die Lebensfreude. Das heißt nicht, dass Teufel keinen Blick für die Tücken des menschlichen Daseins, für Ängste und Abgründe hat. Allein: Er lässt sich den Spaß nicht verderben. Statt wutentbrannt überhebliche Zeitgenossen zu geißeln, stellt er lieber lakonisch fest: „Du bist nicht Gott“ und fordert dazu auf, auf dem Teppich zu bleiben. Mit beiden Beinen auf dem Boden, tanzt es sich einfach besser.
In den letzten Jahren lud Teufel nur selten zum Tanz. Manch einer dachte schon insgeheim, es sei um die Band geschehen, die seit 2006 keinen Release vorlegte. Doch Eingeweihte wissen: "Ein wahrer Spielmann" verschwindet nicht so schnell von der Bildfläche. Die Ballade vom lieben Augustin, die Teufel in jungen Jahren gerne in den Tavernen zum Besten gab, bietet ein Paradebeispiel: Ein sturzbetrunken schlummernder Musikus wird fälschlich für tot gehalten, vom Leichenwagen aufgelesen und in ein Pestloch geworfen. Am Ende entsteigt er spielend der Grube und erschreckt damit zwei Totengräber. In Pest und Teufel greifen Tanzwut die alte Geschichte auf und flechten auch gleich noch einen alten Zauberspruch, das Sator-Quadrat, mit ein, der vor Seuchen und Krankheit schützen soll. Man kann schließlich nie wissen…

Neubeginn und Kontinuität
Ist Weiße Nächte ein Neubeginn? Ja und nein. Schon der Blick aufs Line-up zeigt, dass Fortbestehen und Wandel hier Hand in Hand gehen. Sackpfeifer Ardor und Gitarrist Martin Urasvan sind allen langjährigen Tanzwut-Begleitern bereits ein Begriff, Keyboarder und EDrummer Jagbird ist ein Weggefährte Teufels aus alten Tagen. Der Zwilling am Bass und Schlagzeuger Shumon sind Neuzugänge mit Banderfahrung, Thrymr am Dudelsack verkörpert als jüngstes Bandmitglied gar die nächste Generation. Gemeinsam aber ist allen Sieben die Passion für ihre Musik. Wenn die Bühne ruft, heißt es: "Folge deinem Herzen".
Hinaus auf die Bretter, die für Tanzwut die Welt bedeuten. Schatten der Vergangenheit haben im Licht der Weißen Nächte keinen Platz. Der Blick zurück endet für Tanzwut immer in der Gegenwart. Beförderte man zur Jahrtausendwende Beethovens Götterfunken ins bandeigene Labyrinth der Sinne, so bittet man nunmehr die Königin der Nacht des Kollegen Mozart aufs Parkett - ein Spaß, der wahrscheinlich sie recht nach Amadeus‘ Geschmack gewesen wäre. Zumal sich, wo Tanzwut aufspielen, gerne die Damenwelt versammelt, was dem Salzburger Genie sicher ebenfalls zupass gekommen wäre. Selbstredend bekommt die holde Weiblichkeit dann auf Weiße Nächte auch, was sie verdient: Eine Huldigung in Form des an "Schneewittchen" angelehnten Gift. Bei Teufel und seinen Kumpanen, findet zusammen, was zusammen gehört, selbst dann, wenn es zunächst unvereinbar erschien. Wenn zum Ausklang des Albums das alte provenzalische La Filha Dau Ladre erklingt, dann selbstverständlich in einer Version, die die Essenz des traditionellen Stückes wahrt, es aber in ein hymnisches Rockgewand kleidet.
Der Schalk sitzt dieser Band im Nacken. Das zeigte sich im Laufe ihrer Geschichte immer wieder. 2003, als die Neue Deutsche Härte in aller Munde war, ließ man sich mit Make-up und silbernem Haar ablichten und gerierte sich optisch als Neue Deutsche Weichheit, während die Musik auf Ihr wollet Spaß mit Krachern wie Nein Nein kein Auge trocken ließ. 2011 präsentiert man ausgerechnet der Schwarzen Szene Weiße Nächte. Es lohnt sich, genau hinzuhören, denn auch textlich ist der Hintersinn immer wieder zu Gast, etwa wenn Teufel den Rückgratreißer besingt - einen Mann bei dem man sich sein lästiges Rückgrat entfernen lassen kann. Wer braucht schon einen aufrechten Gang?

Weiße Nächte in Berlin
St. Petersburg ist seit langem berühmt für seine Weißen Nächte. Berlin wird künftig ebenfalls unter diesem Schlagwort verzeichnet sein. Nicht aufgrund seiner geographischen Lage, sondern wegen einer Markierung auf der musikalischen Landkarte: Tanzwut sind Garanten für schweißtreibende Shows und kochende Säle. Tanzwut sind eine Partyband. Aber eine, die das besondere Etwas hat. Auch, weil zwischen den Zeilen immer wieder Bedenkenswertes aufschimmert, wie in Der letzte Vorhang, das empfiehlt, tanzend aus dem Leben zu scheiden. Ganz wie unsere Vorfahren im Mittelalter, die sich dem Pesttod lieber in Extase, als auf Knien näherten.
Das nächste Kapitel ist aufgeschlagen, die Zackenkrone erstrahlt in neuem Glanz und die Musiker sind bereit, fortzuführen, was sie vor Jahren begonnen haben. "Nun schließet die Augen und lasset euch fallen, dann wird die Nacht mit uns für euch unendlich sein" versprachen die Industrial Mittelalter-Pioniere 2003. Der Titel des Songs: Wieder da. Nun sind sie zurück. Heißen wir sie mit einem lautstarken Applaus willkommen und machen wir uns bereit für eine Party, die das Dunkel zum Tage macht. Der Worte sind genug gewechselt:
Stürzen wir uns nun endlich hinein ins Vergnügen – in Weiße Nächte!
(Christoph Kutzer)

Bandbesetzung:
Teufel (voc.)
Martin Ukrasvan (git.)
Der Zwilling (bass)
Shumon (live-drums)
Jagbird (synth.)
Ardor (bagpipe)
Thrymr (bagpipe)

Diskographie:
Tanzwut (1999)
Im Labyrinth der Sinne (2000)
Ihr wolltet Spaß (2003)
Tanzwut Live (DVD 2004)
Schattenreiter (2006)
Morus Et Diabolus (akustisch 2011)
Weiße Nächte (2011)

www.tanzwut.com www.facebook.com/TANZWUTOfficial www.myspace.com/tanzwutmusic

05.07.2011 by Otti

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