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Interview (Musik)Blättern: Vorheriger Artikel | Nächster Artikel

Unheilig

Am Donnerstag war es dann soweit. Mein erstes Face2Face Interview. Klar ist man bei so einer Premiere besonders nervös. Um so mehr hat es mich gefreut als meinen ersten Interview-Partner niemand anderen als den Grafen von Unheilig befragen zu drüfen.
Das Interview war Klasse, lang und interessant und fand im Vorfeld des Auftrittes in Köln statt. Einen Konzertbericht reiche ich noch nach, die Bilder vom Auftritt findet ihr hier.
An dieser Stelle auch nochmal großen Dank an meinen Freund und Helfer Klaas, der sowohl die meisten der Fotos gemacht hat als auch das Interview mitgeschnitten hat so daß ich mich ganz aufs Interviewen konzentrieren konnte.

Otti:
So, dann möchte ich mich zunächst mal bedanken daß wir diese Chance kriegen...
Graf:
Ja gerne, auf jeden Fall, gerne!

Otti:
Ich hab da auch einfach mal ein paar Fragen vorbereitet, legen wir also gleich los. Zum einen ist heute der Tourauftakt der "Goldene Zeiten" Tour, da wollte ich dich fragen wie Du dich fühlst am Anfang einer Tour und was der erste Auftritt für dich bedeutet?


"Grundsätzlich habe ich mir die Frage gestellt was ich will, und das war Musik machen"

Graf:
Ja ich sag mal so, beim ersten Auftritt bist Du nervöser als bei allen anderen. Man übt natürlich und man hofft daß alles gut funktioniert, aber erst nach dem ersten Auftritt weiß man eigentlich ob die Songs die richtigen waren die man ausgesucht hat, ob das alles auch so ist wie man es sich selber dann auch vorstellt. Wenn Du dann so drei, vier Gigs gemachst hast, dann ist es so daß die Routine rein kommt, und die macht einen auch ruhiger. Das war bisher immer so. Wenns dann raus geht auf die Bühne, dann ists auch gut, aber beim ersten Auftritt sind mehr Fragezeichen überm Kopf als sonst.

Otti:
Mit der "Moderne Zeiten" bist Du das erste Mal in die Top 100 der Charts geschossen, hast Du damit gerechnet?
Graf:
Man weiß ja wie diese ganzen Charts funktionieren. Das hängt z.B. damit zusammen in welchem Monat Du eine CD veröffentlichst. Also wenn Du im Sommer veröffentlichst dann geht sowas eher als wenn man Anfang des Jahres etwas herausbringt, wo natürlich der Spiegel von den Neuveröffentlichungen aller Bands so hoch ist, daß man nicht von vorneherein damit rechnen kann. Wir haben uns trotzdem dazu entschieden das am Anfang des Jahres zu machen weil so ein Album ja auch eine gewisse Haltbarkeit haben soll. Dann hat man das ganze Jahr vor sich, man kann eine Tour machen, man kann viele Festivals spielen. Und es ist letztendlich für die Fans wahrscheinlich wesentlich interessanter als wenn Du im Sommer veröffentlichst, du machst drei, vier Auftritte, bist dann in den Media Control Charts, aber diejenigen die dann drunter leiden sind die Fans die viele Auftritte haben wollen.
Es bedeutet eigentlich sehr viel in die Charts zu kommen. Man erregt damit eine gewisse Aufmerksamkeit, gerade bei gewissen Veranstaltern die nur Bands buchen wollen die auch mal in diesen Charts drin waren. Ich denke daß es jetzt geklappt hat hat etwas mit Glück zu tun, mit viel Arbeit davor...

Otti:
Eine gewisse Konstanz auch?
Graf:
Ja auch eine gewisse Konstanz. Irgendwie hat alles zusammengepasst, und ich hab mich natürlich sehr darüber gefreut. Ich wollte schon immer mal vor dieser komischen Liste zum Beispiel im Saturn stehen und mir sagen: "Ja Super, stehst Du auch mal drauf". Ich seh das auch als eine Art Dankeschön von den Fans. Du kommst ja nur in die Charts wenn Du genug Fans hast die dann in einer gewissen Zeit dieses Album unbedingt haben möchten. Für mich heißt das dann ist es wohl gut gelaufen die letzte Zeit, und dann hab ich es auch richtig gemacht.


"Der Grundgedanke bei Moderne Zeiten war man soll was aus seinem Leben machen"

Otti:
In der Info zum Album steht die "Moderne Zeiten" ist eine Momentaufnahme. Ich persönlich hab es aber auch schon ein wenig zukunftsweisend gesehen, ein Weg in eine bestimmte Zukunft und auch ein bißchen futuristisch.
Graf:
Grundsätzlich muß man sagen das Album schließt an "Zelluloid" an. "Zelluloid ist ein Blick in die Vergangenheit gewesen und "Moderne Zeiten" ist das Heute und das Jetzt. Du hast viele Songs die beschäftigen sich mit den grundlegenden Alltäglichkeiten,die wir alle irgendwo erleben. Ob es die Arbeit ist, obs die Angst ist den Job zu verlieren. Das sind ganz einfache Themen.
Otti:
Auch die Liebe zum Beispiel.
Graf:
Ja, auch die Liebe. Ich seh es wie einen Zeitabschnitt, wie eine kleine Epoche. Da sind all diese kleinen Momente die man in seinem Leben erreichen will, erreichen möchte. So ein Lied wie Sonnenaufgang zum Beispiel handelt davon daß Du im Auto sitzt, wahrscheinlich von der Arbeit nach Hause fährst und über das nachdenkst was Du die letzten Tage so gemacht hast. Etwas was wahrscheinlich jeder schon erlebt hat, sich nach einem stressigen Tag ins Auto zu setzen und zu denken: "Mein Gott was ist jetzt schon wieder passiert, und wie schnell verfliegt doch die Zeit."
Der Grundgedanke bei "Moderne Zeiten" war man soll was aus seinem Leben machen, aus dieser geschenkten Zeit, und aus dem Grunde beschäftigt sich das Album mit der Gegenwart.
Eine zukunftsorientierte Komponente ist natürlich auch schon drin. Ein kleiner Blick nach vorne, wie eine Vorstellung die man selbst von seinem Leben hat oder die man auch bei anderen erlebt hat. Und wo man sich selber die Frage stellt was man selbst haben will. Du hast völlig recht, es ist das Heute und Jetzt und gleichzeitig ein Blick nach vorne.

Otti:
Zum Single-Voting, ich hatte eigentlich gedacht daß "Ich will alles" das Rennen macht, jetzt habe ich gestern nochmal auf die Homepage geschaut und nun sinds "Mein Stern" und "Astronaut" die sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen leisten. Liegt es an den Fans daß die ruhigen Sachen sich da durchsetzen?
Graf:
Gerade die Balladen wo man mich anfangs immer gefragt hat "Kannst Du das machen, das ist doch alles zu kitschig, bist Du dir sicher daß Du das machen willst?" machen die Unheilig-Musik ein bißchen auch aus. Du kannst dir Alben kaufen, entweder sind da viele Brachialnummern drauf a la "Ich will alles" oder Du hast eine völlig andere Stilrichtung. Bei Unheilig ist unheimlich viel drauf. Ich weiß nicht ob das vielleicht daran liegt daß wir vielleicht mehr weibliche Fans haben oder auch Fans die voll im Leben stehen.
Otti:
Oder emotionaler sind.
Graf:
Natürlich! Es freut mich um so mehr wenn solche gefühlvollen Sachen auch gevotet werden. Das widerspricht dem was alle immer sagen: "Du musst ne Clubnummer machen, das finden die Leute gut und dann wird das auch gespielt." Oder: "Du mußt so klingen wie die oder die Band, die sind gerade aktuell". Trotzdem ziehst Du einfach dein Ding durch, Du machst einfach ruhige Lieder die aus dem Herzen kommen und die Leute nehmen es auf.
Das war damals beim ersten Voting genauso. Da haben sie alle mit "Maschine" gerechnet. Da hieß es "Die Nummer läuft in den Clubs und die Leute werden deswegen die Platte kaufen". Ich hab immer gedacht das glaub ich gar nicht, und siehe da, dann ist "Schutzengel" gewählt worden. Wenn gerade das wo man die Emotionen reinlegt und wo man selbst auch noch ne Gänsehaut bekommt beim Musik machen die Leute auch noch so aufnehmen, das find ich super. Es ist einfach eine ehrliche Musik, ohne Klischee, geraderaus gesprochen, Emotion pur, da soll man auch den Mut haben das so rauszulassen. Ist doch toll daß das so gut ankommt.

Otti:
Gerade wenn es um die Clubs geht kommen ja meist auch die Standard-Lieder, sei es jetzt "Freiheit" oder "Sage ja!" Eigentlich schade, gerade von dir könnten ja auch mal ein paar ruhigere Lieder gespielt werden. Wenn man vergleicht zum Beispiel mit "Und wir tanzten" von Asp, das ist auch ne ruhigere Nummer und ich gehe da gerne auf die Tanzfläche. Warum machen die DJs das nicht auch mit deinen Balladen?
Graf:
Die DJs wollen immer auf Nummer sicher gehen. Wenn da ne Kick drin ist die auf jeden Fall durchknallt, dann wissen sie das kannste spielen. Ansonsten müssen die Fans das entscheiden. Bei "Schhutzengel" war es auch so daß die Nummer plötzlich im Club lief und die Tanzfläche war trotzdem voll. Im Grunde zeigt mir das, die ganzen Normen wo man dann rein passt oder nicht die stimmen eh alle nicht.

Otti:
Es sind ja auch nicht alle Lieder beim Voting dabei. Zum Beispiel "Laß uns Liebe machen" habe ich vermisst, weil ich es von der Art her recht lustig fand.
Graf:
Ja genau, das ist auch mit nem Augenzwinkern zu sehen. Viele haben das wohl zu ernst genommen und gesagt "Was ist das denn fürn Text?". Es geht dabei ja auch darum das ganze ein bißchen lockerer zu sehen und nicht immer nur rumzudrucksen. Wir haben es extra so gemacht daß wir nicht alle Songs drauf gemacht haben , weil beim letzten Voting haben wir gesehen die Leute konnten sich einfach nicht entscheiden. Bevor man jetzt 16 Lieder zur Wahl stellt haben wir entschieden wir halbieren das ganze jetzt einfach und schauen daß wir für alle was dabei haben. bei Zelluloid haben sogar welche das Intro gewählt da hab ich mir gedacht laß uns das ganze besser eingrenzen. Klar, viele hätten sich sicher auch "Horizont" gewünscht oder "Laß uns Liebe machen". Aber wir haben es halt eingegrenzt, was mir auch ganz recht war, denn was sich jetzt aus denen raus kristallisiert das ist dann auf jeden Fall auch die nächte Single oder EP.
Otti:
Vor allem wo ja auch jetzt drei Lieder wirklich viele Stimmen bekommen.
Graf:
Genau, ich denke da haben wir auch die richtigen mit drin gehabt, das war schon ganz gut so.

Otti:
Was ich auch gesehen hab, ihr habt jetzt die Tour, Festivalauftritte, einen Auftritt in Holland und dann noch einen Auftritt in Spanien, in Barcelona.
Graf:
Ja, da waren wir schonmal im letzten Jahr.
Otti:
Habt ihr da eine besondere Fangemeinde?
Graf:
Anscheinend. Da gibt es Veranstalter die uns unbedingt buchen möchten und auch die Fans die da anklopfen und sagen die Band wollen wir hier haben. Ich hab mich da sehr drüber gefreut, normalerweise kommt man ja auch nicht einfach nach Spanien um Musik zumachen.
Otti:
Das wäre dann ja vielleicht auch mal für eine Tour interessant?
Graf:
Definitiv! In Spanien herrscht eine ganz andere Mentalität, das ist eine Erfahrung für sich. Der letzte Auftritt war Klasse, den Leuten hat es dann auch wiederum gefallen und ich find es einfach schön mal ins Ausland zukommen.
Otti:
Vor allem mit deutschsprachiger Musik, du hast ja fast nur deutschsprachige Texte.
Graf:
Ist auch so, wir spielen live auch nur Deutsch. Nach Phosphor gibt es ja keine englischsprachige Nummer mehr. In Rußland war das genau das gleiche, da haben die russischen Fans die deutschen Texte gesungen, zwischen den Liedern auch "Dankeschön" gesungen. Das war Wahnsinn, Du stehst dann auf der Bühne und verstehst die Welt nicht mehr.

Otti:
Viele andere Künstler haben ja auch recht großen Erfolg mit Duetten. Deine Stimme ist nun sehr einprägsam, wäre das auch für dich etwas?
Graf:
Ja, das ist etwas was ich auf jeden Fall mal machen möchte, aber das muß sich ergeben denke ich. Ich will es aber nicht so machen daß da irgendeiner ankommt "So du machst jetzt mit dem und dem ein Duett, da hast Du jetzt diese Möglichkeiten". Wenn es sich ergibt, es hat einen Sinn und macht die Nummer stärker, und es ist was musikalisch interessantes, dann würde ich das direkt machen. Ich bin auch total offen für alles und würd mir das auch wünschen.
Otti:
Es kommt ja auch drauf an mit wem, und wie man sich versteht.
Graf:
Ja die Chemie muss einfach stimmen. Wenn da zwei Zicken aufeinander treffen bringt das gar nichts. Es geht um Musik und Emotionen, und wenn Du die da rein steckst dann muss das auch von alleine laufen. Ich bin da aber auch sehr pflegeleicht.

Otti:
Wenn man sich so in der Szene umschaut sind viele der großen Acts 10-15 Jahre dabei. Die Bandgeschichte von Unheilig beträgt nunmehr sieben Jahre und Du brauchst dich nicht zu verstecken. Wie erklärst Du dir den recht schnellen Erfolg?
Graf:
Ich hab nie das Ziel vor Augen gehabt ich will jetzt da oder da hin. Grundsätzlich habe ich mir die Frage gestellt was ich will, und das war Musik machen und möglichst soviele Leute erreichen so daß ich auch weiterhin Musik machen kann. Und mir gesagt mal schauen wie weit ich komme. Ganz wichtig ist immer auf dem Boden zu bleiben und nie vergessen daß nicht die Fans dankbar sein müssen daß Du da oben auf der Bühne stehst, sondern daß Du dankbar bist wenn genug Leute kommen. Auch wenn Du mal einen schlechten Tag hast ist es deine Pflicht als Künstler da unten runter zu gehen. Vor den Konzerten, und nach den Konzerten, und wenn einer hundert Autogramme haben will dann bekommt er die. Und immer nett und freundlich, nicht von oben herab wie viele das machen. Da könnte ich kotzen, wenn die hochnäsig an den Leuten vorbeigehen und sich daran laben wenn die Fans ihnen hinterherrennen müssen für ein Autogramm. Das ist der falsche Weg und wird sich irgendwann auch mal rächen. Und ich bin überzeugt daß der Grund meines Erfolges ist daß ich da so offen mit umgehe. Man kennt zwar nicht viel von mir, nicht meine Identität oder meinen Namen, aber ich bin menschlich zu den Leuten. Das ist das Allerwichtigste. Wenn man es so macht besteht auch die Möglichkeit daß es schneller aufwärts gehen kann, da ist dann keine Barriere und die Leute kommen eher auf einen zu.
Otti:
Genau wie in der Punkszene, ich hab ja selbst mal in einer Punkband gespielt, und dort ist es so daß die Bands vor und nach dem Konzert im Publikum stehen und sich unter die Leute mischen.
Graf:
Natürlich, warum auch nicht? Nur weil du da oben mit dem Hintern wackelst und ein paar CDs verkaufst heißt das noch lange nicht daß Du was besseres bist. Das muß jedem klar sein. Gerade heutzutage kostet eine Eintrittskarte verdammt viel und die Leute haben nicht viel Geld. Dann ist es auch die Pflicht des Künstlers so lange wie es eben geht für sie da zu sein. Das haben die verdient! Und nicht nur ab und zu mal ne Stunde oder so zu spielen und sich dann wieder zu verziehen.

Otti:
Ich selbst bin ja durch die "Frohes Fest" auf Unheilig gestoßen. Mir gefiel auf Anhieb dieser Kontrast zwischen dem Namen "Unheilig" und dann einer CD mit "heiligen" Weihnachtsliedern. Wie kam es denn dazu?
Graf:
Das war die Zeit in der ich unheimlich viel Ärger hatte, vor "Das 2. Gebot". Nach "Phosphor" gab es ein unheimlich tiefes Loch. Da merkte ich dann ich hab viel unterschrieben bei Plattenfirmen und Produzenten wo man vielleicht hätte doch besser nachlesen sollen. Das Ende vom Lied war daß ich viel zu kämpfen hatte um dann wieder Musik für mich machen zu können, und nicht für andere die damit Geld verdienen. Zum Glück bin ich da nach einer Weile recht gut raus gekommen und war froh niemanden mehr zu haben der mir in meine Musik reinredet.
Und ich fand die Idee ein Weihnachtsalbum zu machen einfach mal witzig. Als erstes kam "Kling, Glöckchen, Kling" dann "Leise rieselt der Schnee, dann hab ich die Leute mit denen ich zusammenarbeite, Plattenfirma und Management, einfach mal gefragt was sie davon halten und sie meinten es sei eine gute Idee. Ich solle mir auch Zeit nehmen und hätte jeden Freiraum den ich brauch. Ich hab das Album im Hochsommer aufgenommen, hab einfach die Rollos im Studio runtergemacht, ein paar kalte Gedanken und mir vorgestellt es sei draussen am schneien. Das ganze ging recht schnell, es war nur höllisch warm im Studio, draußen 30 Grad.
Aber es hat mir gut getan, es war wie ein Befreiungsschlag. Ich mußte nicht drüber nachdenken was ein anderer Produzent sagt zum Beispiel oder was Leute meinen mit denen man nicht auf einer Wellenlänge ist. Für mich war klar, Du machst die Musik einfach so, in aller Ruhe und wie Du es willst. Aus dem Grund ist das Album auch so "anders" geworden. Ich fand das Ganze auch recht spannend weil die Lieder von den Texten her teilweise recht hart sind. Wenn man mal genau drauf achtet, gerade bei "Morgen kommt der Weihnachtsmann", da könntest Du heutzutage schon fast auf den Index mit kommen. Die Presse fand es ja am Anfang nicht so toll, mittlerweile fragt da aber keiner mehr nach. Das Album ist genauso gut aufgenommen worden wie jedes andere auch.
Otti:
Ich hatte zu der Zeit auch noch mein Geschäft und hab das Album den ganzen Dezember rauf und runter laufen lassen auch wenn ein paar Leute vielleicht etwas genervt waren...
Graf:
Es braucht ja auch nicht jedem zu gefallen. Aber man fragt mich heute noch warum ich das gemacht hab, und der Grund war einfach mal kreativ sein,frei von allem sein, alles rauslassen. Da hat sich jede Menge angestaut in der Zeit davor, wo es wirklich nur darum ging mit dem Anwalt abzusprechen wie ich aus manchen Sachen wieder rauskomme. Im Grunde habe ich das erlebt was viele Künstler erst zum Schluß erleben, da habe ich meine Erfahrungen draus gezogen. Jetzt kann ich in Ruhe Musik machen.

Otti:
Wenn man sich über dich informiert und auch deine Musik hört merkt man daß Du der Szene sehr verbunden bist.
Graf:
Ja ich hab der Szene sehr viel zu verdanken. Gerade da wo ich am Boden war und das Weihnachtsalbum rauskam haben die Fans das angenommen. Dadurch wußte ich ich kann weiterhin Musik machen. Wo hast Du sonst als Künstler eine Plattform wo Du immer Leute findest die deine Musik gut finden? Das hast Du sonst nirgendwo.
Das darfst Du auch nie vergessen, ob Du in den Charts bist, bei Viva gespielt wirst oder auf einem großen Festival auftrittst. Darüber kannst Du dich freuen, aber danach mußt Du auch wieder zurücktreten und sagen ich bleib hier in der Szene.

Otti:
Wenn man sich umschaut, letzte Woche zum Beispiel "In extremo" beim Bundesvision Songcontest, viele "schwarze" Bands in den Charts und dein "Ich will alles" wird bei Premiere verwendet...


Otti, Graf, Klaas (v.l.n.r.)
Graf:
Das witzige war das haben wir alle nicht gewußt. Der Song war mal auf dem Zillo-Sampler drauf und irgendjemand aus der Premiere-Redaktion muss wohl den Sampler wohl gekauft haben und dadurch auf die Nummer aufmerksam geworden sein. Ich hab echt zuhause gesessen, war bei Premiere am rumzappen und hab mir gedacht "Ähm, das kennst Du doch?" So haben wir das dann erfahren. Und dann haben wir natürlich gleich den Kontakt auffgenommen , uns bedankt und den Rest geklärt.
Beim Video zu "Freiheit", was auf Viva lief, war es ja genau das gleiche. Dieses Video ist zusammengeschnitten worden aus Überresten aus der DVD. Wir haben einfach die Leute die die DVD gemacht haben gefragt ob man da nicht noch was zu "Freiheit" machen könnte weil es ja die Single war die die Fans gewählt haben. Die haben dann in ner halben Stunde was zusammengeschnitten, so als kleiner Bonus für die DVD. Das haben wir unserer Propaganda-Agentur gegeben und gemeint "ihr könnt mal gucken, vielleicht wirds ja gespielt", und dann lief es auch wirklich, aber eben nur weil die Leute da angerufen haben. Da hat anscheinend auch wirklich der Song überzeugt. Das hat mich auch wirklich gefreut. Man hat mir immer gesagt, der Name "Unheilig" wird nie im Radio oder im Fernsehen gespielt, der sei viel zu provokativ. Oder der würde nie in den Charts erscheinen... Und siehe da, wir waren im Fernsehen, wir waren im Radio, und wir waren auch in diesen komischen Media Control Charts, das bestätigt mich schon.
Du kannst auch nicht alles planen, gerade die "hellen Köpfe" da oben die mit Musik viel Geld verdienen wollen, die planen manchmal ganz schön falsch.

Otti:
Aber gerade in der Szene werden dann auch immer wieder Stimmen laut das sei Kommerz, zum Beispiel auch das Wgt sei total verkommerzialisiert worden. Ich persönlich hab mich gefreut daß zum Beispiel "Oomph!" ganz oben in den Charts standen, die haben sich das einfach verdient.
Graf:
Klar, ich fand das so geil! Daß die das endlich mal gepackt haben. Weil ich glaub die haben genau die gleiche Einstellung wie ich, daß sie von vorne herein sagen: "Wir machen kein großes Brimborium, wir sind keine Stars, wir sind die Leute die genauso gut da unten beim Konzert stehen können, wir machen Fankontakt und wir bleiben auf dem Boden." Und wenn Du diese Einstellung hast hast Du in meinen Augen auch schon gewonnen. Die machen das jetzt ja auch schon seit etwa 15 Jahren, mit "Das weiße Licht" waren sie glaub ich schonmal auf Platz 2 in Deutschland und mit "Augen auf" jetzt auf Platz 1. Bei denen ist das so, die haben sich das einfach erarbeitet und nicht geschenkt bekommen. Da gönnt man es ihnen auch, und siehe da, sie spielen auch weiterhin in normalen Clubs und nicht nur auf irgendwelchen Veranstaltungen wie "The Dome" oder so. Sie bleiben immernoch auf dem Boden der Tatsachen, was ich auch gut finde. Und außerdem ist "Oomph!" schon cool.

Otti:
Was mir auch aufgefallen ist, Du bist jemand der auch zugibt daß er sich an anderen orientiert, nicht so wie viele andere.
Graf:
Ja natürlich, das machen doch alle.
Otti:
Was mich nun interessiert ist, wer hat dich zum Beispiel beeinflußt?
Graf:
Bei mir ist das so: Ich will nicht stehenbleiben, ich will dazu lernen. Wenn Du immer in deiner kleinen Welt bleibst, deine Lieder zusammenbaust, bleibst immer nur auf diesem Level, das ist einfach langweilig. Gerade was das textliche angeht kann man von vielen Menschen was lernen. Künstler die in meinen Augen wirklich gut sind, deutsche Texte haben, wie zum Beispiel Herbert Grönemeyer, find ich super. Das ist vielleicht ne andere Musikrichtung, aber wenn es um Texte und Emotion geht kann man eine Menge von ihm lernen. Oder auch die Produktionen von amerikanischen Bands, ob das jetzt "Linkin Park" ist oder auch "Korn", da sollte man einfachmal reinhören und sich fragen wie haben die das gemacht? Da kann man eine Menge draus ziehen.
Mein Großvater hat immer gesagt wenn Du lernen willst dann schau am Besten wie es die anderen machen die es schon können. Und dann einfach ausprobieren.
Oder auch Peter Gabriel, seine Kompositionen und Arrangements, auch da kann man was draus lernen. Das sind Leute die schon seit Jahrzehnten Musik machen, die haben die Musikwelt geprägt. Das ist wie wenn man zeichnen will, dann fragst du auch jemanden ob er dir das beibringt, oder du schaust dir verschiedene Bilder an. Und dann probierst du verschiedene Techniken aus. Genauso mach ich das mit der Musik.
Also es ist jetzt nicht so daß ich mir ein Lied anhöre und es kopiere, aber ich hör da rein und analysier das. Ich hab Musik ja auch nie gelernt oder studiert, sondern ich mache das aus gut dünken heraus. Ich denke alle die Musik machen hören auch mal bei anderen herein.

Otti:
Wäre doch auch einmal ne Maßnahme, eine "Unheilig"-Coverversion von Herbert Grönemeyer?
Graf:
Natürlich. Ich hab mal ein Cover gemacht von Sisters of Mercy "This Corrosion". Das war aus meiner Jugend die zweite oder dritte Platte die ich mir damals geholt hab, das Lied wollt ich damals schon immer mal gerne singen wenn ich Musik mach. Einfach aus Spaß an der Musik.
Ich habe aber auch gemerkt es gibt einfach einige Dinge die heilig sind, und da muß man unheimlich vorsichtig sein wenn man sich daran wagt.

Otti:
Gerade bei Coverversionen finde ich es auch wichtig daß man komplett neu interpretiert statt einfach zu kopieren.
Graf:
Du kannst auch nicht das Original toppen, das sollte niemand versuchen. Wer sagt ich mach jetzt den Song neu damit er besser oder zeitgemäßer ist, der braucht nen Schlag in den Nacken damit er mal merkt was er da sagt. Du kannst den Song covern wenn Du ihn magst, dann ist das okay, aber niemals an sowas ran gehen mit der Einstellung "Ich kann das besser".
Aber das würd mich mal reizen,ist auf jedenfall ne gute Idee und hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Mal schauen.

Otti:
Und nun natürlich noch die Frage nach den Plänen für nach der Tour?
Graf:
Also ich hab gelernt Du kannst die Zukunft nie planen. Es passieren immer Dinge wo Du nicht mit rechnest. Du kannst dir natürlich ausmalen wo Du mal gerne wärst, mit wem Du mal gerne spielen würdest, oder mit wem man ein Duett machen kann, wann die nächste Single erscheint, aber ich mach das so daß ich einfach abwarte. Jetzt kommt erstmal die Tour, und danach schauen wir mal weiter. Ich laß erstmal alles auf mich zukommen. Wenn Du dir zu hohe Ziele steckst wirst Du nur enttäuscht, also rechne ich erstmal mit gar nichts, und alles was kommt da kann ich mich drüber freuen.

Otti:
Wunderbar, dann kann ich mich nur noch bedanken.
Graf:
Nichts zu danken, ich hab zu danken. War schön. ;)

Art des Interviews: face2face
16.02.2006 by Otti

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